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#155 Death Wish - Ein Mann sieht rot

©Studiocanal
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Ein kontroverser Klassiker der nichts von seiner Wucht verloren hat.

 

Death Wish –Ein Mann sieht rot (8/10)

 

Story:

Der New Yorker Architekt Paul Kersey (Charles Bronson) ist eigentlich ein harmloser, friedliebender Mann. Doch als seine Frau bei einem Überfall getötet und seine Tochter vergewaltigt wird, greift er zur Waffe und übt sich in Selbstjustiz, denn die Polizei scheint nicht in der Lage zu sein, die Täter zu überführen.

 

Der erste Death Wish Teil (es sollten noch vier Teile folgen) schlug Mitte der 70er ein wie eine Bombe. Es wurde der größte kommerzielle Erfolg von Charles Bronson und Fluch und Segen zugleich. Segen da er auch endlich in den USA als großes Zugpferd ankam, Fluch da es ihn zukünftig auf diesen Rollentypus festgelegt hat.

 

Warum der Film damals solche Wellen so geschlagen hat liegt auch an der Zeit zu der er entstanden ist. 1974 war New York eine Stadt voller Probleme, viel Gewalt und einer hohen Kriminalitätsrate. Der Film spricht Urinstinkte (Rache) und auch tiefgreifende Ängste an (in den eigenen 4 Wänden nicht sicher sein, seine Familie nicht beschützen zu können).Ich finde den Film vor allem in den ersten 45-60 Minuten sehr stark. Natürlich ist der Beginn in Hawaii ein plakativer Gegensatz zu dem Moloch und Hort an Gewalt als der New York dargestellt wird. Das ist aber direkt sehr wirksam. Auch wenn Bronson nie ein gigantischer Schauspieler war so nehme ich ihm den pazifistischen Architekten zu Beginn total ab. Der Film lotet hier in der ersten Hälfte auch gut das dafür und dagegen aus und spiegelt auch den inneren Konflikt von Paul Kersey gut wieder. Die erste Tat der Notwehr, das Hochgefühl, aber auch sein erster Mord inklusive Gewissensbisse.

 

Erst danach wird der Film dann doch recht eindimensional und funktioniert als Guilty Pleasure. Seine Entwicklung vom Pazifisten zum knallharten Rächer/Draufgänger geht mir dann doch etwas zu schnell und lässt auch die Grautöne aus dem Blick. Es geht dann vor allem darum größtmöglich kontrovers zu sein. Er wird sicherlich trotzdem vielen (reaktionären) Menschen aus der Seele sprechen. Mir wird die Selbstjustiz hier etwas zu einseitig positiv vorgestellt. Die Menschen folgen seinem Beispiel und keinem guten passiert etwas? Das ist mir zu einfach.

 

Wenn der Film ein reinrassiger Actioner wäre, dann vollkommen ok. Da erwarte ich keine kritische Auseinandersetzung. Da der Film das aber durchaus in den ersten 45 Minuten macht und auch vorgibt sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen zu wollen hätte ich mir etwas mehr Gleichgewicht gewünscht. Der Autor der Vorlage war übrigens überhaupt kein Freund der Verfilmung war der Film seiner Meinung nach dem Thema Selbstjustiz viel zu positiv eingestellt.

 

Nichtsdestotrotz ist das ein Film der sich traut kontrovers zu sein (auch das Ende sei hier angemerkt, vor allem die letzte Einstellung ist für viele Pazifisten ein Schlag in die Magengrube), gegen den Strom zu schwimmen und er ist auch einfach gut gemacht. Das Setting passt, Bronson spielt gut, auch die restlichen Darsteller sind gut gewählt, der Score funktioniert. Michael Winner (der kontroverse Regisseur der viele Filme mit Bronson gedreht hat) hält hier sich doch noch etwas zurück und inszeniert die Vergewaltigung nicht so extrem voyeuristisch wie in späteren Teilen. Übrigens gibt es hier Jeff Goldblum in einem seiner ersten Auftritte zu sehen, als extrem creepy Vergewaltiger.

 

Nicht mehr ganz so bekannt dürften Hope Lange und Vincent Gardenia sein, beides Oscar nominierte Darsteller, einmal als ermordete Frau und einmal als ermittelnder Polizist.

 

Einen guten Kniff fand ich dass die Polizei bzw. der Bürgermeister Kersey am Ende nicht fangen wollen. Sie wollen ihn weder zum Märtyrer machen noch das an die Öffentlichkeit kommt das die Kriminalitätsrate deutlich gesunken ist um noch mehr Menschen zum Vigilante zu machen. Man will das Thema einfach begraben und ihn aus der Stadt treiben. Auch dass es zu keiner direkten Auseinandersetzung mit den Mördern/Vergewaltigern seiner Frau/Tochter kommt finde ich einen interessanten Aspekt der den Film doch von ähnlichen Filmen mit gleichem Motiv doch abhebt.

 

Es wäre sicherlich interessant gewesen zu sehen was ein Sidney Lumet mit Jack Lemmon in der Hauptrolle aus dem Film gemacht hätte. Denn zuerst war Sidney Lumet als Regisseur vorgesehen bevor man den Film dann doch auf Bronson zugeschnitten hat. Der Film wäre sicherlich nicht so zynisch und kontrovers geworden, dafür wären sie sicherlich die Grautöne und Auswirkungen auf die Psyche stärker in den Fokus gerückt.

 

Ich finde man kann zwischen der Death Wish Reihe und der Rambo Reihe einige interessante Parallelen ziehen. Der erste Teil ist jeweils der objektiv beste, der die meisten kritischen Themen anfasst und der sich nicht scheut kontroverse Themen im Rahmen eines Actionfilms/Thrillers zu behandeln. Folgeteile sind dann deutlich einfacher, geradlinigere Actionfilme, sehr unterhaltsam, aber auch übertriebener (Rambo III und Death Wish 3). Bei beiden Filmen gibt es literarische Vorlagen in denen der Protagonist am Ende stirbt (was objektiv in den Filmen das stimmigste wäre) aber die Produzenten das Potenzial (und die Einnahmen) weiterer Teile doch erkannt haben. Irgendwie typisch 80er! Ende des kleinen Exkurses :D

 

Fazit: Der größte Erfolg in der Karriere von Charles Bronson. Ein kontroverser Film den man auch immer im Kontext seiner Entstehungszeit betrachten sollte. Immer noch ein Klasse Film, dessen zweite Hälfte jedoch nicht so vielschichtig ist wie der Beginn.